7 Tage ohne Nächte

Knapp über dem Polarkreis besichtigten wir das Ájtte-Museum in Jokkmokk. Die Stadt war schon immer einer Treffpunkt der Samen und das Tor zur Bergwelt. Eine relativ große Anzahl von Schamanentrommeln der Samen sind hier ausgestellt. Und dies ist schon etwas besonderes, da die meisten Trommeln mit der Christianisierung zerstört wurden und ihr Gebrauch verboten wurde. Auch einen Vielzahl von typischen Messern der Samen konnten wir hier bestaunen. Aber in erster Linie wird in diesem Museum die Geschichte und die Traditionen der Samen anhand der verschiedenen Ausstellungsstücke erläutert. Der starke Eingriff in die Natur durch den Bau von Straßen und Wasserkraftwerken wird hier deutlich kritisiert. Besonders interessant fanden wir, dass die verschiedenen Muster der Tracht einer bestimmten Samenfamilie zugeordnet werden können. Und diese Tradition lebt tatsächlich fort. Natürlich tragen die Samen im Alltag keine Tracht aber man sieht immer mal wieder einen Gürtel oder anderes Accessoire mit einem solchen Muster. Sozusagen ein verstecktes Erkennungszeichen untereinander.

Nach diesem wirklich empfehlenswerten Museumsbesuch sind wir dann auf einen Campingplatz gefahren. Und die Entscheidung nicht auf den Campingplatz mit Pool und großem Kinderspielplatz zu fahren war gold richtig, denn hier auf diesem kleinen Familiencampingplatz gab es eine ganze Menge Tiere. Ein ganzer Streichelzoo sozusagen. Einen Spielkameraden fanden unsere beiden dann auch schnell. Der Sohn der holländischen Besitzerin zeigte unseren beiden ganz stolz den ganzen Platz und die nächsten Tage hatten sie zu dritt viel Spaß. Viel besser als eine „Remmidemmi-Campingplatz“.

Mit frisch gewaschener Wäsche, das ist ja immer der Grund für unseren Campingplatzbesuch, sollte es dann aber in die Bergwelt gehen. Vorher machten wir noch in Jokkmokk im Fjällbotanischen-Garten einen Zwischenstopp. Es gab dort einen Flyer mit Erläuterungen zu verschiedenen Blumen, den wir kurzerhand zu einem Kinderspiel umfunktionierten und auf Blumensafari gingen. Obwohl ich nicht sicher bin, ob wir wirklich alle Blumen richtig zugeordnet haben, hatten die Kinder viel Spaß beim Suchen und Abhaken auf dem Flyer.

Der Besuch im Fjällbotanischen-Garten dauerte nur bis zum Mittag und wir fuhren dann die einzige Straße, die in den Nationalpark „Muorkke“ hineinführt. Diese Straße existiert auch nur wegen dem schwedischen Staatskonzern Vattenfall, der hier eine riesige Stromtrasse und mehrere Wasserkraftwerke betreibt. Bei diesem Anblick der Stromtrasse erinnerten wir uns wieder an das Museum in Jokkmokk und fanden die Kritik berechtigt. Andererseits wird diese Art der Stromgewinnung sicherlich eine sehr ökologische sein und ohne die Straße wären wir hier ja auch gar nicht hingekommen. Wie immer sind es eben zwei Seiten einer Medaille.

Am Beginn des Nationalparks „Muorkke“ ist auch das sehr moderne Naturum Laponia zu finden, dass für alle vier Nationalparks in der Region als Informationszentrum dient. Es ist weniger ein Museum, sondern mehr ein Ort der Begegnung. Mit Café, Veranstaltungsräumen, und einer tollen Terrasse mit Blick auf die Berge. Für die kleine Ausstellung muss niemand den langen Weg auf sich nehmen, aber es ist trotzdem ein interessanter Einblick in die moderne Lebensweise der Samen. Ein guter Kontrast zu dem Museum in Jokkmokk, dass natürlich sehr traditionsbewusst das Leben dargestellt hat.

Drei Nationalparks liegen hier dicht beieinander und gehen im Prinzip ineinander über. Sie haben zusammen eine Fläche von 5.200 km² und sind damit etwa zweimal so groß wie das Saarland. Es führt keine einzige Straße hindurch und die einzigen motorisierten Verkehrsmittel sind der Motorschlitten im Winter und der Hubschrauber. Ansonsten durchstreifen dieses Gebiet die Samen mit ihren Rentieren einfach querfeldein.

Zur Übernachtung haben wir einen Abzweig zu einem Stausee genommen und ein wirklich ruhiges Plätzchen gefunden. Das Licht am Abend war atemberaubend schön und die Berge wurden mit einer herrlichen Mitternachtssonne angestrahlt. Keine Ahnung warum ich keine Fotos gemacht habe. Vielleicht wollte ich einfach mal genießen ohne an irgendetwas zu denken. Für alle Fotografen, die die „blaue Stunde“ kennen. So muss man sich die Sommernächte in Lappland vorstellen. Die ganze Nacht ist „blaue Stunde“.

Auf dem Weg zum Übernachtungsplatz sind wir an einer Sammel und Verladestelle für Rentiere vorbeigekommen und konnten auch die derzeit leeren Quartiere der Samen überall im Wald entdecken. Ich gehe davon aus, dass zur Sammlung der Rentiere diese Hütten bewohnt werden. Auch wieder ein schöner Kontrast zu den überall traditionsbewusst aufgebauten Zelten. Spartanisch ist das Leben in der Natur natürlich trotz fester Hütte und ohne Zelt aber weiterhin.

Am nächsten Tag ging es dann aber los und wir haben unsere kleine Wanderung gestartet. Der Weg war ein Tipp vom netten Mitarbeiter im Naturum, denn der relativ kurze Weg führte uns durch alle drei charakteristischen Fjäll-Landschaften. Erst durch den Nadelwald, dann durch den Birkenwald und schließlich relativ alpinem Gebiet, wo nur noch Flechten wachsen von denen sich die Rentiere ernähren.

Auf dem Wanderweg fanden wir dann auch die im Fjällbotanischen-Garten kennengelernten Blumen wieder. Bis auf den Gipfel schafften wir es mit den Kindern nicht. Aber wir hatten trotzdem eine tolle Aussicht und das Gefühl eine große Wanderung gemacht zu haben. Wer will kann sich in den Nationalparks übrigens auch mit dem Hubschrauber absetzen lassen und dann in alle Himmelsrichtung zig Kilometer bis zur Zivilisation zurücklaufen.

Nach unserer Wanderung sind wir die Straße noch bis zum Ende gefahren um von hier einen tollen Blick auf die Berge zu haben. Leider war der Blick vom Aussichtspunkt in die andere Richtung alles andere als schön. Ein Dauercampingplatz auf schwedisch. Alte gammelige Wohnwagen mit hässlichen Vorbauten. Hier konnten und wollten wir einfach nicht übernachten und sind dann noch am Abend den ganzen Weg zurückgefahren. Und das war die beste Entscheidung!

Denn am Abend trauen sich auch die Rentiere auf die Straße. Zuerst haben wir nur vereinzelte Rentiere gesehen. Aber dann stand eine ganze Herde auf der Straße. Natürlich sind wir auch mal ausgestiegen aber die Rentiere sind trotz der Gewöhnung an den Menschen immer noch scheu und näher als 10 Meter kommt man nicht heran. Für die Kinder war es natürlich ein Abenteuer im Schlafanzug auf Rentiersafari zu gehen.

Geschlafen haben wir dann unspekatuklär an einem Badeplatz wieder außerhalb des Nationalparks. Und dann folgten wir einem Tipp aus dem Reiseführer und sind in einen Souvenirladen der anderen Art gegangen. Es ist eine Mischung aus Messiehaus, Flohmarkt und richtigem Geschäft. Die deutsche Schrift sollte übrigens nicht abschrecken, denn der ehemalige Besitzer hat eine deutsche Auswanderin geheiratet und ihr Sohn, der mittlerweile den Laden führt spricht daher sehr gutes Deutsch. Ich habe mir im Laden ein handgefertigtes Messer gekauft und im Gespräch mit dem Besitzer noch einiges über die Region und die Eigenarten der Samen erfahren. Später fand ich nochmals ähnliche Messer in einem Souvenirladen eines Campingplatzes. Sie waren nicht annähernd so gut verarbeitet aber doppelt so teuer. Wer also irgendwann mal in seinem Leben in Porjus vorbeikommt, sollte sich nicht abschrecken lassen und diesen Laden besuchen. Auf jeden Fall auch das leckere Rentierfleisch kaufen, das eine sehr gute Qualität hat. Oder den sogenannten „Kaffeekäse“ oder geräuchertes Elchfleisch.

Um noch ein paar entspannte Tage in schwedisch Lappland zu verbringen sind wir dann noch die zweite mögliche Straße an den Rand der Nationalparks bis Kvikkjokk gefahren. Ein paar Kilometer vor Kvikkjokk fanden wir einen schönen Campingplatz ohne Dauercamper und mit vielen Hütten, wo auch Wanderer ohne fahrbares Häuschen oder Zelt übernachten können.

Wir erkundeten die Halbinsel auf der der Platz lag und vertrieben uns die Zeit mit Booten bauen. Ein wenig Rinde von einem toten umgefallenen Baum geschält ein Loch hinein und ein Mast reingesteckt. Es gab auch Boote mit einem Stück Papier als Segel. Die waren aber schneller weg als ich fotografieren konnte.

Das kleine Highlight der beiden Tage hier auf dem Platz war die schwimmende Sauna, die wir mit einem Holzofen anfeuern mussten. Danach war auch der Sprung in den einskalten See gar nicht mehr schlimm.

Auch Kvikkjokk erkundeten wir mit einem kleinen Spaziergang. Das kleine Dorf ist Ausgangspunkt für große Wanderungen durch den Nationalpark Sarek, der aber keine Familientouren bereithält. Zur ersten Hütte, die wiederum nur am äußersten Rand des Nationalparks liegt, sind es schon 17km. Kvikkjokk und seine direkte Umgebung ist aber auch auf jeden Fall schon sehr sehenswert.

Nach diesen Tagen im Herzen von schwedisch Lappland ist nun unser nördlichster Punkt unserer Langzeitreise erreicht und wir machen uns gemütlich wieder auf den Rückweg. Wir haben auch schon eine Idee wo wir nach unserer Schwedentour noch hinfahren können, bevor es wieder nach Deutschland geht. Aber die erste Sehnsucht ist erst einmal wieder eine Nacht zu erleben. So ein bisschen aus dem Biorhythmus kommt man nämlich schon, wenn man nur noch Tage erlebt. Also schnell durch Jokkmokk durch und über den Polarkreis wieder ein Stückchen in Richtung Süden.

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.